Erfahrungsbericht zur Challenge Roth

Besser als jeder Bericht von Dritten. Andreas Moch hat seine Gedanken zur Challenge Roth zusammengefasst. Vielen Dank.

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Roth 2013

Nach einigen Jahren Pause wurden in diesem Jahr wieder die Farben der SG Welper beim Triathlon in Roth vertreten. Unter die 3.500 Einzelstarter mischten sich Berthold Janzen und Andreas Moch. Berthold wagte sich zum ersten mal auf die Langdistanz, Andreas war bereits vor 25 Jahren beim damaligen 1. IRONMAN Europe am Start. Seinerzeit war es der erste Qualifikationswettkampf auf europäischem Boden  für den IRONMAN Hawaii. Seitdem hat sich der Triathlon in Roth als der Klassiker etabliert. Zugegeben, der IRONMAN Hawaii lebt vom Mythos der Geburtsort des Triathlon zu sein, von der Exotik, der Abgeschiedenheit, den grausamen Bedingungen in der Lavawüste. Die Challenge Roth, wie der Wettkampf seit einigen Jahren heißt, ragt durch ein riesiges Teilnehmerfeld heraus, durch perfekte Organisation, einer schnellen Strecke und wahren Zuschauermassen. Dies alles gab es am Sonntag, den  14. Juli zu erleben.

Bereits am Freitag auf der Nudelparty galt es die besondere Atmosphäre aufzusaugen. Schier unglaublich, welch Aufwand in Roth getrieben wird. Riesige Zelte werden aufgebaut, für den Zieleinlauf eigens ein Stadion für mehrere tausend Zuschauer errichtet, dazu gibt es ein Messegelände auf dem sich unzählige Firmen präsentieren und jedweden Schnickschnack rund um den Triathlonsport anbieten. Von Fahrrädern, Schuhen, Bekleidung über Ernährung und Wettkampfreisen. Kurz und gut: die Challenge Roth ist nicht nur ein Wettkampf, dies ist ein Event, hier wird Triathlon zelebriert. Selbst das Einchecken der Räder am Samstag am Main-Donau Kanal geschieht unter riesigem Tam-Tam. Mit Menschenmassen, Musik, Bierständen, Liveinterviews der Topstarter usw.

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Berthold und Andreas füllten abends noch einmal ihre Kohlehydratspeicher auf, sprich es wurde ein Nudelbuffet geplündert und dann ging es früh ins Bett. Die Nacht vor einer Langdistanz ist immer sehr kurz. In diesem Jahr hieß es um 4:30 Uhr aufstehen. An Schlaf war aufgrund der Nervosität eh kaum zu denken, zu sehr kreisten die Gedanken um das, was die nächsten Stunden bringen werden.

Bei der Anreise zum Start ist Geduld gefragt. Eine nicht enden wollende Autokarawane schiebt sich im Schritttempo zu den Parkplätzen im Startbereich. In der Wechselzone ist die Spannung greifbar. Tausende Sportler wuseln um ihre Räder herum, packen Kleiderbeutel, quetschen sich in enges Neopren. Tausende Zuschauer bevölkern das Ufer bzw. die Brücke des Kanals. Ein Sprecher heizt schon mal das Publikum ein. Dazu Musik und ein wunderbarer Sonnenaufgang. Ein perfekter Tag für einen hoffentlich perfekten Wettkampf.

Andreas startet um 6:40 Uhr. Das übliche „Startgemetzel“ löst sich diesmal nur sehr schleppend auf. Zu ausgeglichen ist die Startgruppe. Nach der ersten Wendeboje findet Andreas endlich ein paar Füße, die ein ordentliches Tempo schwimmen. Jetzt gilt es dran zu bleiben. Die Strecke vom ersten zum zweiten Wendepunkt ist eine schier endlose Gerade. Für schlechte Schwimmer so endlos wie eine Reise zum Mars, wie es mal jemand formuliert hat. Auf dieser Geraden kann man sich schön darauf konzentrieren, wie sich der Neoprenkragen in den Nackenspeck sägt. Andreas hat Schwierigkeiten den Wasserschatten zu halten. Immer wieder reißt der Kontakt ab, immer wieder heißt es sich ranzukämpfen. Nach 62:09 Minuten steigt er aus dem Wasser. Für Berthold beginnt der Wettkampf um 7:50 Uhr. Schwimmen ist seine schwächste Disziplin und für ihn geht es in erster Linie darum, dies möglichst kraftsparend hinter sich zu bringen. Leider hat Berthold mit Magenproblemen zu kämpfen und bleibt mit 1:42:39 Stunden deutlich hinter seinen Möglichkeiten. Aber der Tag ist ja lang und wird nicht auf den ersten 3,8 km im Wasser entschieden.

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Auf dem Rad heißt es zunächst den zu Rhythmus finden und sich ordentlich zu verpflegen. Nach gut 70 km wartet im Ort Hilpoltstein der Solarer Berg auf die Teilnehmer. Eigentlich kein Berg, eher ein Hügel aber bevölkert mit 20tausend Menschen, die einen infernalischen Lärm machen und jeden Radfahrer anfeuern, anbrüllen, nach vorne peitschen. Vielleicht feiern sich die Zuschauer auch selbst. Egal, überholen ist hier jedenfalls nicht möglich, nur eine schmale Gasse wird freigehalten, durch die jeder Teilnehmer nach oben katapultiert wird. Auf der Radstecke ist es mitunter voll. Klar, bei 3.500 Einzelstartern und 560 Staffeln. Unverhofft verpasst ein Wettkampfrichter Andreas eine Zeitstrafe. Zugegeben, auf dem vergangenen Kilometer waren es keine 10 Meter Abstand zum Vordermann aber 5-6 Meter bestimmt. Das konnte der Typ auf dem Motorrad von hinten doch gar nicht einschätzen. Okay, wir brauchen Wettkampfrichter für unseren Sport und die Leute machen das ehrenamtlich und auch okay, 5-6 m sind nicht regelkonform aber mit ein wenig Fingerspitzengefühl, vielleicht zunächst mit einer Verwarnung , hätte man die Situation auch lösen können. Es ist wie es ist, Andreas muss die nächste Penaltybox anfahren und 8 min Strafzeit absitzen. Konsterniert sieht er Athlet um Athlet an sich vorbeifahren, die er zuvor überholt hatte. Ein halbes Jahr Vorbereitung, etliche hundert Euro für diesen Wettkampf ausgegeben und nun das. Mit ordentlicher Wut im Bauch macht Andreas sich wieder auf die Strecke, vermeidet die Nähe zu anderen Teilnehmern, als das sich auch nur im Ansatz der Verdacht vom Windschattenfahren zeigen könnte und versucht verlorenen Boden gut zu machen. Insgeheim hatte Andreas auf eine Radzeit von 5 Stunden bzw. einem 36er Schnitt gehofft. Letztendlich sind es dann  5:08:13 Stunden. Nun gut, die 5 Stunden wären auch ohne Zeitstrafe nicht gefallen, denn immerhin konnte er sich zwischendurch 8 Minuten ausruhen J.

Berthold spürt leider auch auf dem Rad das es nicht so richtig rund läuft, zu geschwächt ist sein Körper von den Magenproblemen. Aber er lässt nicht locker und lässt sich von der Stimmung an der Strecke motivieren. Die 6:30 Stunden sind auf jeden Fall ein klasse Ergebnis, besonders vor dem Hintergrund, dass Berthold in diesem Jahr bis zum Start in Roth nur 2.000 Radkilometer in den Beinen hatte.

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Auch die Laufstrecke ist gespickt mit sogenannten Stimmungsnestern, allerdings gibt es auch Abschnitte, die sind wirklich eintönig und zäh. Beim Laufstart werden die Athleten kräftig angefeuert. Es geht raus aus der Stadt, hin zum Main-Donau Kanal, dies sind rund 4 km und gut zum Einlaufen. Am Kanal bzw. der „Lände Roth“ angelangt, ist noch mal richtig Stimmung aber dann biegt man links ab und läuft ca. 6 km immer am Kanal entlang. Ohne Zuschauer, ohne Schatten. Ablenkung bieten die entgegenkommenden Athleten. Blöderweise ist die Spitze des Feldes immer schon durch, wenn unsereins hier her läuft, von daher ist es dann doch nicht so interessant. Nach 10 km führt die Strecke weg vom Kanal, durch das Örtchen Schwand, wo jeder Einwohner mobilisiert wird, an der Strecke zu stehen. Anschließend geht es wieder zurück an den Kanal. Jetzt passiert man die 15 km Marke  und man kann sich nun ganz wunderbar darauf konzentrieren wie lang 6 km geradeaus Laufen sein können. Wieder an der Lände angelangt ist die Hälfte der Laufstrecke geschafft und das Rennen geht nun in die entscheidende Phase. Schaffen es die meisten Teilnehmer bis hier hin noch ein einigermaßen Tempo zu Laufen, spielen sich die wahren Dramen auf der zweiten Hälfte ab.

Leider erwischt es auch Andreas. Bis Kilometer 20 mit 1:36 Stunden noch flüssig unterwegs, wird der Schritt nun schwerer. Von Kilometer 25 bis 30 ist er bei 30 min angelangt, die nächsten 5km legt er in 31 min zurück. Auf 10 Kilometern hat er 11 min auf seine Wunschzeit verloren und düstere Gedanken machen sich breit. Die gehen von „Dies ist meine Abschiedsvorstellung in Roth, ich kehre nie mehr auf die Langdistanz zurück“, bis „auch den Ligawettkampf in Xanten könnt ihr ohne mich machen. Ich höre auf, solch einen anstrengenden Unsinn tue ich mir nicht mehr an.“ Aber wie das oft so ist, das dann inzwischen doch nahe Ziel vor Augen mobilisiert letzte Reserven. So läuft er nach 9:57:07 Stunden durchs Ziel, nicht euphorisiert aber doch ist zumindest das Minimalziel von „unter 10 Stunden“ erreicht.

Berthold ist nun in seiner stärksten Disziplin unterwegs. Allerdings hat er auch schon über 8 Stunden Sport in den Beinen als er zum Marathon aufbricht, da ist der Schritt dann auch nicht mehr so leichtfüßig wie auf einer Kurzdistanz. Auch er hat nach starkem Beginn zur Hälfte des Rennens einen Durchhänger, kann sich aber auf den letzten 10 km wieder steigern und finisht seine erste Langdistanz in 12:53:08. Vom Rother Triathlonvirus infiziert ignoriert er am nächsten Morgen den Muskelkater und meldet sich für 2014 erneut an.

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Und danach? Ob zufrieden, glücklich, euphorisch, dass kann nur jeder für sich selbst entscheiden. Selbst entscheiden ob Aufwand zum Ertrag im richtigen Verhältnis stehen. Wie sehr der einzelne seinem großen Ziel alles andere Untergeordnet hat, gewisse egozentrische Tendenzen erkennen lässt, ist ja unterschiedlich. Der Duden beschreibt die Egozentrik als „die eigene Person als Zentrum allen Geschehens betrachtend; alles in Bezug auf die eigene Person beurteilend und eine entsprechende Haltung erkennen lassend“. Hhhmmm, da wird man dann doch mal nachdenklich. Beim Aufwand sind es nicht nur die reinen Trainingsstunden, die in diesem Jahr, mit dem nicht enden wollenden Winter, der Kälte und Nässe im Frühjahr, besonders schwer fielen, sondern das Hinleben auf den Wettkampftag, die Laune die man in seiner Umgebung verbreitet, wenn das Training mal wieder nicht so lief wie gedacht, wenn man jedes kleinste Zipperlein gleich als riesen Katastrophe hochpusht, in der Familie quasi nicht mehr existent ist und seinen Freundeskreis vernachlässigt. Aber dies alles kann man für eine gewisse Zeit ausleben und das macht es ja auch aus, macht das Leben interessant und abwechslungsreich.

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Hier noch ein paar andere Betrachtungen. Was sich in den letzten 25 Jahren beim Triathlon in Roth so getan hat: Weitestgehend identisch geblieben sind die Wettkampfstrecken, das Startgeld hat sich verachtfacht, das Teilnehmerfeld ist von 587 Männern und 17 Frauen auf 2.504 bzw. 379 hochgeschnellt. Der Triathlon hat sich von einer Sportart für Studenten, mit wenig Geld aber viel Zeit, zu einem Sport der älteren Generationen entwickelt. Dies wird deutlich, wenn man sich die Zusammensetzung des Teilnehmerfeldes anschaut:

1986

2013

AK

Anz. Teilnehmer (männl.) Anz. Teilnehmer (männl.)

18

82

14%

22

1%

25

179

30%

168

7%

30

106

18%

407

16%

35

82

14%

429

17%

40

72

12%

552

22%

45

41

7%

552

22%

50

19

3%

277

11%

55

3

1%

76

3%

60

3

1%

12

0%

65

0

0%

7

0%

70

0

0%

1

0%

75

0

0%

1

0%

587

 

2.504

Für jüngere scheint der Sport nicht mehr interessant zu sein. Die bis 30jährigen stellen nur noch 8% der Teilnehmer. Vor 25 Jahren waren es noch 44%. Woran liegt das? Ist der Sport zu kostenintensiv geworden? Wenn man sich die Startgelder und das Material in der Wechselzone anschaut: ja! Haben die jüngeren keinen Bock mehr sich anzustrengen? Vielleicht. Sind die 40 bis 50 jährigen überwiegend in der Midlife Crisis, dass sie so eindrucksvoll (zumindest quantitativ) die Startfelder dominieren? Vielleicht. Wie dem auch sein, Pech für uns Triathleten der SG Welper, da die meisten von uns inzwischen zu dieser Altersklasse gehören. Bleibt abzuwarten ob die Welle weiterhin durch das Teilnehmerfelder schwappt, sich in die noch älteren Altersklassen verlagert und dann in der AK 70 so langsam ausläuft. In ca. 30 Jahren wäre die Welle dann durch und der Veranstalter hätte dann das Problem, dass das Teilnehmerfeld nicht mehr voll wird. Zumindest wäre der Wettkampf dann nicht mehr nach 3 Minuten ausgebucht. Auch ein Vorteil aber den werden wir dann wohl nicht mehr als aktive Sportler erleben. Bis dahin geben wir aber noch ordentlich Gas und mischen mit J

 

 

 

 

 

 

 

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